Station VI

    Wie haben die Glasmacher gelebt und gearbeitet?

    Eine Ruhe-Info-Glas-Bank gibt Auskunft. Wegkreuzungen lassen kurz innehalten, über die weitere Laufrichtung wird entschieden. Warum sich nicht an dieser Stelle hinsetzen und darüber nachdenken, wie so eine Glashütte überhaupt gebaut und betrieben wurde. Viele Menschen sind hier schon seit Jahrhunderten, besser Jahrtausenden, vorbeigekommen. Die hier im Wald in einem kleinen Industriebetrieb des 15. Jahrhunderts gearbeitet haben, werden in dieser gläsernen Hi-Tech-Bank kurz vor dem konservierten Glashüttenstandort „An der Emsbachschlucht“ vorgestellt. - So Gedanken dazu von Ines Nickchen.

    In der Glasvitrine finden sich kleine Glastafeln mit Zeichnungen und Kurztexten, die das alte Handwerk beschreiben. Diese Glastafeln bestehen aus mundgeblasenen verschiedenfarbigen Überfanggläsern der Firma Lamberts, Waldsassen. Texte und Zeichnungen wurden auf fotografischem Weg auf das Glas gebracht und die Farbe dann durch Ätzen entfernt.



    Glasberufe

    In den ersten schriftlichen Aufzeichnungen aus dem Jahr 1617 über die Glasherstellung im Taunus auf einer Glashütte bei Oberems finden wir Berufsbezeichnungen wie Meister, Einträger (sie trugen die heißen, gerade gefertigten Hohlgläser in den Kühlofen), Lehrling, Holzhauer, Aschebrenner und einen Knopfmacher (Knöbmacher), der auf der Hütte gläserne Knöpfe herstellte. Ein Verzeichnis von 1660 einer Glashütte bei Reifenberg, die aber nicht gebaut wurde, enthält genaue Kalkulationen über die Löhne von Meister, Knechten, Schürern, Einfassern, Fuhrknechten, Holzhauern und Aschebrennern. Man kann davon ausgehen, dass im 15. Jahrhundert, als die Glashütte „An der Emsbachschlucht“ gearbeitet hat, die gleichen Tätigkeiten ausgeübt wurden, auch wenn wir aus dieser Zeit keine schriftlichen Quellen haben.

    Glashütten waren zu damaliger Zeit patriarchalisch geführte Familienbetriebe, bei denen sich der Leiter des Betriebs, der Glasmeister, über seinen Clan hinaus zusätzliche Spezialisten auch aus zum Teil weitestem Umkreis besorgte. Der Glasmeister selbst war Unternehmer mit eigenem Risiko, aber auch der Fachmann und Kenner für die gesamte Produktion, vor allem für die geheim gehaltene Zusammensetzung des Gemenges aus Sand, Asche und weiteren Zusätzen. Eine ganz wichtige Funktion hatte der Schürer, der das Feuer immer gerade so in Schwung bringen und halten musste, wie es für den Produktionsvorgang gebraucht wurde. Für die Fensterglasherstellung arbeitete ein Strecker, der aus dem aufgeschnittenen Hohlglaszylinder Flachglas „bügelte“. Knechte und Lehrjungen lernten die Arbeit an der Glasmacherpfeife und hatten viele Handlangerdienste zu verrichten. In dem Bereich finden wir die Begriffe „Anfänger“ und „Fertigmacher“, wobei es sich bei ersterem nicht um einen Neuling, sondern um denjenigen handelt, der den Prozess der Hohlglasfertigung durch Entnahme eines Glaspostens aus der heißen Glasmasse beginnt. Ganz wichtig waren im Wald die Holzfäller und die Aschebrenner, zu denen um die Mitte des 17. Jahrhunderts die Pottaschesieder kamen, die die Pflanzenasche auslaugten und damit den Herstellungsprozess des Glases vereinfachten. Frauen und Kinder hatten Hilfsarbeiten zu leisten, wie z. B. auch das Waschen und Sortieren von Altglas, denn schon damals wurde Glas in großen Mengen recycelt. Wichtig war auch der Beruf des Reffträgers (oft Frauen), der in einer großen Kiepe auf dem Rücken die in Stroh verpackten Glaswaren über weite Wege zum Abnehmer oder auf Messeplätze transportierte.

    Im Laufe der Jahrhunderte fächerten sich viele Berufszweige auf und führten zu Spezialisierungen, bis es ab ca. 1930 durch die zunehmende Mechanisierung der Glasherstellung zu einem deutlichen Beschäftigungsrückgang kam. Glasflaschen konnten z.B. bereits um 1900 herum durch eine Flaschenblasmaschine ohne menschlichen Einsatz hergestellt werden; heute ist der große Konkurrent zur Glasflasche die leichte Plastikflasche. Für die Herstellung des Gemenges war noch bis in das 20. Jahrhundert hinein ein Schmelzer nötig, der heute durch ein Computerprogramm ersetzt wird.

    Die ursprüngliche Herstellung von Hohlgläsern an der Glasmacherpfeife findet man heute fast nur noch im musealen Bereich, aber eindrucksvoll in alter Weise in der Glashütte Lamberts in Waldsassen, die auch das Antikglas für unseren waldGLASweg hergestellt hat. An der hessischen Glasfachschule Hadamar kann man die Berufe Glaser, Glasapparatebauer und Glasveredler erlernen. Glasbautechnik bieten die Beruflichen Schulen Vilshofen an; Studenten von dort haben mit ihrem Fachoberlehrer Andreas Hart unseren waldGLASweg in eine spannende Realität umgesetzt.